Teneriffas Weinkultur in akuter Gefahr

Die Weinbautradition Teneriffas ist weit mehr als ein Wirtschaftsfaktor – sie ist ein lebendiges Kulturerbe, das eng mit der Geschichte, der Landschaft und der Identität der Insel verbunden ist. Über 500 Jahre Weinbau haben eine einzigartige Vielfalt an Rebsorten und Anbaumethoden hervorgebracht, die in Europa ihresgleichen sucht.

Teneriffas Wein

Teneriffas Weinkultur in akuter Gefahr

Diese Besonderheit, die Teneriffa zu einer der spannendsten Weinregionen Europas machte, ist jedoch seit dem Sommer 2025 durch eine bisher nie dagewesene Bedrohung in Gefahr: die Reblaus.

Ein historischer Schatz, verschont von der Reblaus

Während die Reblaus (Daktulosphaira vitifoliae) im späten 19. Jahrhundert die Weinberge Europas verwüstete, blieben die Kanarischen Inseln davon verschont . Diese Insellage, kombiniert mit den vulkanischen Böden, die dem Schädling nicht zusagen, bewahrte einen einzigartigen Schatz: Reben, die auf eigenen Wurzeln wachsen, ohne auf amerikanische Unterlagen veredelt zu sein.

Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Weinqualität und -vielfalt:

  • Alte Reben und authentische Aromen: Da die Reben nicht durch die Reblaus zerstört wurden und auf eigenen Wurzeln stehen, können sie sehr alt werden – bis zu 100 oder sogar 150 Jahre . Diese alten Rebstöcke produzieren Trauben mit einer besonderen Konzentration und Komplexität, die Weine von einzigartigem Charakter hervorbringen.
  • Erhalt seltener Rebsorten: In den Weinbergen Teneriffas haben sich über 20 bedeutende, teils endemische Rebsorten erhalten, die in Europa nach der Reblauskatastrophe oft verschwanden . Zu den bekanntesten gehören die weiße Listán Blanco (auch als Palomino bekannt) und die roten Sorten Listán Negro und Negramoll . Das Casa del Vino auf Teneriffa bewahrt diese Sortenvielfalt in seinem Weinberggarten und macht sie erlebbar.

Eine jahrhundertealte Tradition und ihre Höhepunkte

Die Geschichte des Weinbaus auf Teneriffa reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Bereits William Shakespeare erwähnte den Wein der Insel voller Bewunderung . Im 16. und 17. Jahrhundert war er ein begehrter Exportartikel, dessen Bedeutung erst durch den Aufstieg Madeiras und die Zerstörung des Hafens von Garachico durch einen Vulkanausbruch zurückging. Heute erlebt der Sektor eine Renaissance.

Die Insel ist in fünf geschützte Ursprungsbezeichnungen (D.O.) unterteilt, die jeweils Weine mit eigenem Terroir-Charakter hervorbringen:

  1. Abona (Süden): Vulkanische Sandböden auf bis zu 1800 Metern Höhe erzeugen blumig-fruchtige Weißweine.
  2. Valle de La Orotava (Zentraler Norden): Mineralhaltige Böden sind die Basis für milde Rotweine aus Listán Negro und fruchtige Weiße aus Malvasia und Verdello.
  3. Valle de Güímar (Südosten): Neben der Hauptsorte Listán Blanco gewinnen hier auch internationale Sorten wie Cabernet Sauvignon an Bedeutung.
  4. Tacoronte-Acentejo (Norden): Das dichteste Anbaugebiet der Insel bringt auf kalkarmen Vulkanböden in bis zu 1000 Metern Höhe vor allem hochwertige Rotweine hervor. Diese Region ist derzeit das Epizentrum des Reblausbefalls.
  5. Ycoden Daute Isora (Nordwesten): Geprägt vom atlantischen Klima und Passatwinden werden hier frische Weißweine und fruchtige Rosés produziert.

Die Herausforderungen des Weinbaus auf der Vulkaninsel

Der Weinbau auf Teneriffa ist alles andere als einfach. Er findet unter extremen Bedingungen statt, die den Charakter der Weine prägen:

  • Steillagen und Handarbeit: Die Weinberge sind oft terrassiert und extrem steil, was den Einsatz von Maschinen unmöglich macht. Fast die gesamte Arbeit – vom Schnitt bis zur Ernte – muss von Hand erfolgen.
  • Wasserknappheit: Wasser ist das kostbarste Gut auf der Insel. Bewässerung ist für den Weinbau unerlässlich, da es ohne sie praktisch nichts gibt. Die Betriebe sammeln Regenwasser in Zisternen und klären Kellereiabwässer zur Wiederverwendung auf . Die Konkurrenz um Wasser zwischen Landwirtschaft und Tourismus ist groß.
  • Vulkanische Böden: Die jungen, durch Vulkanismus entstandenen Böden sind kleinteilig und von großer Heterogenität, was jeden Hang zu einem individuellen Terroir macht.
  • Das „Cordón Trenzado“: Eine besonders traditionelle, mittlerweile zum Weltkulturerbe erklärte Erziehungsform ist der geflochtene Kordon, der vor allem im Valle de La Orotava zu finden ist.

Die akute Bedrohung: Die Reblaus ist angekommen

Die jahrhundertelange Idylle fand ein abruptes Ende im Juli 2025. In einem privaten Garten und auf brachliegenden Grundstücken in Valle de Guerra, in der Gemeinde La Laguna, wurde erstmals die Reblaus auf Teneriffa und damit im gesamten Archipel nachgewiesen . Spätere Funde in Tacoronte und La Matanza de Acentejo bestätigten mehrere Ausbrüche in der nördlichen Weinregion Tacoronte-Acentejo.

Eine tickende Zeitbombe für den Weinbau

Die Situation wird von der Asociación de Viticultores y Bodegueros de Canarias (Avibo) als die größte je dagewesene Bedrohung für den Weinbau der Inseln beschrieben . Die Gefahr ist akut:

  • Verbreitung durch Passatwind und Menschen: Die Reblaus breitet sich von Pflanze zu Pflanze aus, sowohl durch den Wind über kurze Distanzen als auch unterirdisch von Wurzel zu Wurzel . Die Passatwinde, die für das milde Klima sorgen, drohen nun den Schädling entlang der Nordküste nach Westen zu tragen. Besonders kritisch ist die Situation während der Weinlese, da die Bewegung von Trauben und Maschinen die Verbreitung beschleunigt.
  • Ungewisse Zukunft für den „franc de pied“: Das größte Problem: Die Reblaus befällt die Wurzeln der europäischen Rebsorten. Da die Reben auf Teneriffa direkt auf ihren eigenen Wurzeln stehen („franc de pied“), sind sie extrem verwundbar.
  • Wirtschaftlicher und kultureller Schaden: Teneriffa bewirtschaftet rund 3.200 Hektar Weinberge – fast die Hälfte der gesamten kanarischen Rebfläche von 8.100 Hektar . Der Sektor sichert etwa 5.000 Arbeitsplätze; Schätzungen zufolge könnten bei einer unkontrollierten Ausbreitung bis zu 1.880 davon verloren gehen . Auch der aufstrebende, für die Wirtschaft wichtige Weintourismus ist bedroht.

Bekämpfung mit ungewissem Ausgang

Sofort nach der Entdeckung wurde ein Notfallprotokoll aktiviert . Es umfasst drastische Maßnahmen:

  • Verbot der Bewegung: Die Regierung verhängte ein sofortiges, unbefristetes Verbot des Transports von Reben, Stecklingen und Trauben zwischen den Inseln und sogar zwischen den verschiedenen Ursprungsbezeichnungen auf Teneriffa, um eine Verschleppung zu verhindern.
  • Rodung und Vernichtung: Betroffene Pflanzen und deren Wurzeln werden an Ort und Stelle entfernt und vernichtet . Um die befallenen Fundstellen wurden Sicherheitszonen eingerichtet.
  • Intensive Überwachung: Eine groß angelegte Prospektionskampagne wurde gestartet. Bis Mitte Oktober 2025 wurden bereits über 5.000 Inspektionen durchgeführt.
  • Verunsicherung und Hoffnung: Die langfristige Perspektive ist düster. Experten sind sich einig: Ist die Reblaus erst im Boden etabliert, ist eine Ausrottung unmöglich. Die einzige dauerhafte Lösung wäre die aufwendige und teure Umstellung aller Weinberge auf resistente amerikanische Unterlagen – eine Wiederholung der europaweiten Katastrophe des 19. Jahrhunderts, die die gesamte Weinbaukultur der Insel für ein Jahrzehnt lahmlegen und ihren einzigartigen Charakter für immer verändern würde.

Es gibt jedoch eine kleine Hoffnung: Die vulkanische und sandige Beschaffenheit der Böden könnte das Wachstum der Reblauswurzeln erschweren und die Ausbreitung begrenzen. Die Wissenschaftlerin María Francesca Fort Marsal von der Universität Rovira i Virgili hält es dennoch für möglich, dass sich der Schädling angepasst hat, und verweist auf die Unberechenbarkeit der Natur. Die nächsten ein bis zwei Jahre werden zeigen, ob der Schädling auf Teneriffa wirklich Fuß fassen kann.

Die Weinberge Teneriffas stehen an einem Scheideweg. Das einzigartige Erbe der „franc de pied“-Weine, das die Insel zu einer so besonderen Weinregion machte, ist akut bedroht.

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