Herzrisiko durch Saharastaub: Teneriffa-Studie zeigt 86 % Todesfälle bei hoher Calima-Belastung

Die Calima ist kein seltenes Phänomen mehr auf den Kanaren. Eine neue Studie zeigt, dass die Inseln fast fünf Monate im Jahr unter dem Einfluss von Saharastaub stehen. Besonders erschütternd: Eine Untersuchung des Hospital Universitario de Canarias belegt, dass 86 % der an Herzinsuffizienz verstorbenen Patienten zuvor hohen Staubkonzentrationen ausgesetzt waren. Was bedeutet das für Bewohner und Besucher Teneriffas? Ein Überblick über Ursachen, Gesundheitsrisiken und praktische Tipps.

Herzrisiko durch Saharastaub: Teneriffa-Studie zeigt 86 % Todesfälle bei hoher Calima-Belastung
Herzrisiko durch Saharastaub: Teneriffa-Studie zeigt 86 % Todesfälle bei hoher Calima-Belastung

Herzrisiko durch Saharastaub

Wer auf Teneriffa lebt oder Urlaub macht, kennt das Phänomen: Der Himmel färbt sich plötzlich ockergelb, die Sonne wirkt wie durch eine getönte Brille, und über allem liegt ein feiner, orangeroter Staub. Die Einheimischen nennen es Calima – und es ist weit mehr als nur ein Wetterphänomen.

Die Calima wird häufiger – und intensiver

Eine im renommierten Fachmagazin Nature veröffentlichte Studie unter der Leitung des Paul Scherrer Instituts und unter Beteiligung des spanischen Forschungsrats CSIC (IDAEA-CSIC) belegt, was viele bereits spüren: Die Calima-Episoden nehmen zu. Auf den Kanarischen Inseln ist nunmehr an 40 % der Tage – das sind fast fünf Monate im Jahr – Saharastaub in der Luft nachweisbar. Damit sind die Kanaren das am stärksten betroffene Gebiet Europas, noch vor dem spanischen Festland, wo der Wert bei etwa 35 % liegt.

Die Wissenschaft macht dafür mehrere Faktoren verantwortlich: Veränderungen in der atmosphärischen Zirkulation und die zunehmende Austrocknung Nordafrikas durch den Klimawandel, die die Ausbreitung von Wüstenregionen begünstigt. Die Forscher warnen: Während die Luftverschmutzung durch Verkehr und Industrie in Europa dank strengerer Umweltauflagen zurückgeht, steigt die Belastung durch Wüstenstaub weiter an – eine paradoxe Entwicklung, die den Erfolg der Luftreinhaltepolitik teilweise zunichtemacht.

Die geografische Nähe zur Sahara macht Teneriffa zur ersten Anlaufstelle für diese heißen, trockenen Luftmassen. Der Nordost-Passat, der normalerweise für das milde Klima sorgt, wird dann von Ostwinden aus Afrika überlagert, die feinen Wüstenstaub mitbringen.

Besonders extrem war die Situation zwischen 2020 und 2022. Bei sogenannten Supercalimas wurden auf Teneriffa und anderen Inseln Konzentrationen von bis zu 5.000 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft (PM10) gemessen – ein Wert, der die normalen Hintergrundkonzentrationen um ein Vielfaches übersteigt. Zum Vergleich: An einem normalen Tag ohne Calima liegen die Werte meist weit unter 50 µg/m³.

Erschreckendes Ergebnis der Herzinsuffizienz-Studie vom HUC Teneriffa

Die besorgniserregendste Erkenntnis kommt aus einer Studie des Hospital Universitario de Canarias (HUC) auf Teneriffa, die zwischen 2014 und 2017 durchgeführt wurde. Wissenschaftler des CSIC und des Krankenhauses untersuchten den Zusammenhang zwischen Saharastaub-Episoden und der Sterblichkeit von Patienten mit Herzinsuffizienz.

Die Ergebnisse sind alarmierend: Von den 829 untersuchten Patienten, die wegen Herzinsuffizienz im HUC behandelt wurden, verstarben während des Studienzeitraums 6 %. Und von diesen Verstorbenen waren beeindruckende 86 % zuvor hohen Konzentrationen von Saharastaub ausgesetzt – definiert als Feinstaubwerte (PM10) von mehr als 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft.

Herzinsuffizienz, auch Herzschwäche genannt, betrifft vor allem Menschen über 60 Jahre. Die Erkrankung äußert sich durch Atemnot, anhaltende Müdigkeit, geschwollene Beine und die Unfähigkeit des Herzens, den Körper ausreichend mit Blut zu versorgen. Die Calima verschlimmert diesen Zustand offenbar erheblich: Die feinen Staubpartikel gelangen über die Lunge in den Blutkreislauf, lösen Entzündungsreaktionen aus und belasten das Herz-Kreislauf-System zusätzlich.

Mehr als nur Sand – Eine komplexe Mischung

Die Calima ist nicht einfach nur „Sand“. Das Labor für Luftqualität der Kanaren (AirCanLab) hat die Partikel genauer analysiert und zeigt, dass die Zusammensetzung komplex und teils gefährlich ist:

  • 70 % Wüstenstaub aus der Sahara
  • 15–18 % industrielle Schadstoffe aus Nordafrika (darunter Nitrate, Sulfate, organische Aerosole und Schwermetalle)
  • 10 % Meersalz
  • Nur etwa 2 % lokale Emissionen, beispielsweise vom Verkehr

Die heiße und trockene Luft aus der Sahara wirbelt nicht nur Quarz- und Tonpartikel auf. Sie transportiert auch Schadstoffe aus Industriegebieten in Marokko, Algerien und Tunesien bis zu den Kanaren. In bestimmten Episoden können diese zusätzlichen Schadstoffe die gesundheitlichen Auswirkungen der Calima noch verstärken.

Gesundheitliche Auswirkungen: Nicht zu unterschätzen

Die winzigen Staubpartikel (PM10 und noch feinere PM2.5) können tief in die Lungen und den Blutkreislauf eindringen. Die Symptome reichen von trockenem Husten, Kratzen im Hals und gereizten Augen bis hin zu ernsteren Problemen.

Besonders gefährdet sind:

  • Personen mit chronischen Atemwegserkrankungen wie Asthma oder COPD
  • Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere Herzinsuffizienz
  • Ältere Menschen und Kinder
  • Schwangere

Die Calima kann auch psychische Auswirkungen haben. Ältere Studien auf Teneriffa haben bereits einen Zusammenhang zwischen den heißen, staubbeladenen Tagen und einer Zunahme von Depressionen, Angstzuständen und sogar Suizidversuchen in den Krankenhausaufnahmestatistiken festgestellt.

Die Forscher der Nature-Studie fordern deshalb ein europaweites Frühwarnsystem für Saharastaub-Episoden, ähnlich wie es bereits für städtische Luftverschmutzung existiert. Die Kanarischen Inseln sollten hierbei eine Vorreiterrolle einnehmen, da sie am stärksten betroffen sind.

Calima auf Teneriffa: Was Sie jetzt tun sollten

Ob als Resident oder Tourist – bei einer Calima-Warnung der staatlichen Wetterbehörde AEMET (Agencia Estatal de Meteorología) ist Vorsicht geboten. Hier sind die wichtigsten Tipps:

Für Besucher und Urlauber

  1. Aktivitäten anpassen: Verzichten Sie auf anstrengende Outdoor-Aktivitäten wie Wandern oder ausgedehnte Spaziergänge, insbesondere in den mittleren und hohen Lagen. Die Hitze und der Staub können schnell zur Erschöpfung führen.
  2. Viel trinken: Die trockene Luft entzieht dem Körper Feuchtigkeit. Trinken Sie ausreichend Wasser, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Meiden Sie alkoholische Getränke, da diese den Körper zusätzlich austrocknen.
  3. Schutz für die Augen: Tragen Sie eine Sonnenbrille, um Ihre Augen vor dem feinen Staub zu schützen, der Reizungen verursachen kann.
  4. Auf den Körper hören: Bei Symptomen wie Atemnot, Schwindel oder Herzrasen suchen Sie einen kühlen Ort auf und ziehen Sie gegebenenfalls ärztlichen Rat hinzu.
  5. Flugverkehr: Informieren Sie sich bei Ihrem Reiseveranstalter oder der Fluggesellschaft, da es bei starker Calima zu Sichtbehinderungen und möglichen Flugausfällen kommen kann.

Für Residenten und Langzeitbewohner

  1. Fenster und Türen schließen: Halten Sie Ihr Zuhause so staubfrei wie möglich, indem Sie Fenster und Türen geschlossen halten. Bei sehr intensiven Episoden kann der Einsatz von Luftreinigern mit HEPA-Filtern sinnvoll sein.
  2. Schutz für Risikogruppen: Achten Sie besonders auf ältere Familienmitglieder oder Nachbarn mit Herz- oder Atemwegserkrankungen. Für sie kann es ratsam sein, im Freien eine FFP2- oder FFP3-Maske zu tragen, um das Einatmen der Schadstoffe zu minimieren.
  3. Autopflege: Die feinen Sandpartikel können den Autolack verkratzen. Entfernen Sie den Staub niemals trocken mit einem Tuch. Waschen Sie das Fahrzeug stattdessen gründlich mit viel Wasser und einem weichen Schwamm.
  4. Balkon und Terrasse: Räumen Sie lose Gegenstände weg, da die Calima oft von starken Windböen begleitet wird.
  5. Waldbrandgefahr: Die Calima bringt oft extreme Trockenheit und Hitze mit sich, was die Waldbrandgefahr drastisch erhöht. Offenes Feuer ist strengstens verboten. Werfen Sie keine Zigarettenkippen weg, und vermeiden Sie alles, was einen Brand auslösen könnte.
  6. Informiert bleiben: Laden Sie die Warn-App der AEMET herunter oder folgen Sie den offiziellen Kanälen der Regierung der Kanarischen Inseln, um rechtzeitig vor Calima-Episoden gewarnt zu werden.

Fazit: Leben mit der Calima

Die Calima ist ein fester Bestandteil des Lebens auf Teneriffa. Die Erkenntnisse der neuen Nature-Studie und die alarmierenden Zahlen vom HUC zeigen jedoch, dass dieses Phänomen keine seltene Laune der Natur mehr ist, sondern eine regelmäßige, ernstzunehmende Herausforderung für die Luftqualität und die Gesundheit darstellt.

Besonders Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten die Warnungen ernst nehmen. Die Studie vom HUC Teneriffa mit den 86 % Todesfällen bei hoher Staubbelastung ist ein Weckruf – für die Behörden, die bessere Warnsysteme aufbauen müssen, und für jeden Einzelnen, der lernt, mit diesem besonderen Klimaphänomen verantwortungsvoll umzugehen.

Mit dem richtigen Wissen und den passenden Vorsichtsmaßnahmen können Bewohner und Besucher die staubigen Tage jedoch gut überstehen. Bleiben Sie informiert über die aktuellen Warnungen, passen Sie Ihre Pläne an, und schützen Sie sich – dann können Sie auch die besondere Atmosphäre einer Calima mit etwas Abstand genießen.

Quellenverzeichnis

  1. Nature-Studie (2026): Paul Scherrer Institut, IDAEA-CSIC. Increasing Saharan dust intrusions over Europe and their impact on air quality. Veröffentlicht in Nature, Juli 2026.
  2. Hospital Universitario de Canarias (HUC) / CSIC (2014–2017): Studie zum Zusammenhang zwischen Saharastaub-Exposition und Sterblichkeit bei Herzinsuffizienz-Patienten auf Teneriffa. Untersuchungszeitraum 2014–2017 mit 829 Patienten.
  3. AirCanLab (Laboratorio de Calidad del Aire de Canarias): Analyse der PM10-Zusammensetzung auf den Kanarischen Inseln, Ergebnisse für das Jahr 2024.
  4. Agencia Estatal de Meteorología (AEMET): Offizielle Warnsysteme und Wetterdaten zu Calima-Episoden auf den Kanarischen Inseln.
  5. Gobierno de Canarias: Gesundheitliche Empfehlungen und Schutzmaßnahmen bei Calima-Episoden.
  6. Xavier Querol, IDAEA-CSIC: Aussagen und Expertisen zur Entwicklung der Saharastaub-Episoden in Spanien und Europa.
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