Crisis Habitacional auf Teneriffa – wenn die Trauminsel keinen Wohnraum mehr hat

Die Postkartenbilder stimmen noch: Sonne, Atlantik, milde Temperaturen. Aber hinter der Fassade steckt Teneriffa mitten in einer „crisis habitacional“, einer Wohnraumkrise, die längst nicht mehr nur sozial Schwächere betrifft, sondern breite Teile der Bevölkerung – und damit auch Auswanderer, Langzeitgäste und saisonale Arbeitskräfte.

Viviendas Vacacionales

Crisis habitacional

Explodierende Mieten und fehlender Wohnraum

Innerhalb von rund zehn Jahren haben sich die Mieten auf Teneriffa mehr als verdoppelt. Lag der durchschnittliche Mietpreis früher um die 450–500 Euro, wird inzwischen von durchschnittlich rund 1.000 Euro monatlich gesprochen. In vielen Gegenden des Südens (Adeje, Arona) und zunehmend auch im Großraum Santa Cruz/La Laguna sind 700–900 Euro für eine einfache Wohnung heute eher Untergrenze als Ausnahme.

Die Folgen:

  • Studien lokaler Sozialverbände weisen für 2024 fast 3.000 Menschen auf der Insel in extremer Wohnungsnot oder bereits ohne Wohnung aus – obdachlos, in Notunterkünften oder in sehr instabilen Wohnverhältnissen.
  • Hilfsorganisationen sprechen offen von einer sozialen Krise, weil Wohnungslosigkeit mit Armut, psychischen Problemen und einer Überlastung von Hilfssystemen einhergeht.

Was viele Touristen nicht sehen: Hotels sind voll, aber ein Teil der Menschen, die diese Strukturen am Laufen halten, lebt in überteuerten WGs, in Ferienapartments „unter der Hand“ oder sogar in Fahrzeugen.

Ferienwohnungen als Brandbeschleuniger

Ein zentraler Faktor der Krise ist die Entwicklung der Viviendas Vacacionales – privat vermietete Ferienwohnungen.

Einige Kerndaten:

  • Allein innerhalb weniger Monate wurden auf Teneriffa mehrere tausend neue Ferienwohnungen registriert.
  • Schon zuvor lag der Bestand bei zehntausenden registrierten Ferienunterkünften.
  • In vielen Orten – insbesondere im Süden (Costa Adeje, Arona, San Miguel de Abona) – hat der Boom dazu geführt, dass ehemalige Mietwohnungen in touristische Nutzung überführt wurden.

Die Konsequenz:

  • Das Angebot für langfristige Miete schrumpft, während die Nachfrage stabil bleibt oder sogar steigt.
  • Vermieter können bei Neuvermietungen deutlich höhere Preise durchsetzen – oder weichen direkt auf die lukrativere Kurzzeitvermietung aus.

Die bevölkerungsreichsten Inseln, darunter Teneriffa, haben deshalb gemeinsam eine Moratoriums‑Forderung für Ferienwohnungen gestellt, also eine vorübergehende Pause bei neuen Lizenzen. Sie argumentieren, dass ohne Begrenzung der Viviendas Vacacionales keine Entspannung am Wohnungsmarkt möglich sei.


Was die Politik unternimmt – und was nicht

Mehr Kompetenzen, aber langsame Umsetzung

Die kanarische Regierung hat in den letzten Jahren mehrere Schritte unternommen, um auf die Wohnungsnot zu reagieren:

  • Per regionalem Dekret wurden Eilmaßnahmen zur Wohnraumbeschaffung beschlossen, darunter eine Beschleunigung von Projekten für sozialen Mietwohnungsbau und neue Förderinstrumente.
  • Den Cabildos (Inselräten) wurden zusätzliche Kompetenzen in der Wohnraumförderung übertragen – etwa beim Ankauf von Immobilien, bei der Entwicklung von Boden für Wohnzwecke und bei Unterstützungsprogrammen für Gemeinden.

Auf Teneriffa hat das Cabildo angekündigt:

  • Einen zweistelligen Millionenbetrag für Wohnungspolitik bereitzustellen, darunter Programme für Ankauf, Sanierung und Reaktivierung von Wohnungen, Bodenerwerb und Unterstützung kommunaler Projekte.
  • Mit Programmen wie „Activa Vivienda“ leerstehende Wohnungen für sozialen Mietwohnraum zu mobilisieren.

Kritik: Wohnungsdirektion gestrichen

Gleichzeitig sorgt die Inselpolitik für Irritation:

  • Eine eigens geschaffene Direktion für Wohnungsfragen im Cabildo wurde per Dekret wieder abgeschafft – ausgerechnet inmitten der Wohnraumkrise, wie Medien und Oppositionsparteien kritisieren.
  • Opposition und Sozialverbände fordern die Wiedereinrichtung eines eigenen Wohnungsressorts im Cabildo, um den politischen Stellenwert des Themas zu unterstreichen.
  • Mehrere Analysen bemängeln, dass Teneriffa trotz neuer Kompetenzen lange Zeit keinen eigenen Neubau an öffentlicher Wohnbebauung real begonnen habe – viele Projekte stecken im Planungsstadium.

Die politische Gemengelage:

  • Auf dem Papier fließen mehr Mittel in Wohnungspolitik.
  • In der Realität verläuft die Umsetzung langsam, und der Abbau institutioneller Strukturen sendet ein widersprüchliches Signal.
Ferienwohnung VV

Sozialdimension: Wer am stärksten betroffen ist

Die „crisis habitacional“ trifft verschiedene Gruppen besonders hart:

Hilfsorganisationen berichten von einem deutlichen Anstieg von Menschen, die im Auto leben, Sofas bei Bekannten wechseln oder in überbelegten Wohnungen unterkommen.

  • Geringverdienende Familien mit befristeten Verträgen oder Teilzeitjobs im Tourismus – sie finden kaum noch Wohnungen im legalen Mietmarkt, die nicht einen Großteil ihres Einkommens verschlingen.
  • Alleinerziehende und ältere Menschen mit niedrigen Renten, die sich steigende Mieten nicht leisten können und in prekäre Wohnsituationen abgleiten.
  • Junge Einheimische, die weder Eigentum finanzieren noch angemessen mieten können – sie müssen häufig bei den Eltern bleiben oder die Insel verlassen.
  • Saisonkräfte und Ausländer:innen, die auf Teneriffa im Tourismus oder in der Pflege arbeiten – sie sind häufig auf WG‑Zimmer oder informelle Lösungen angewiesen und damit rechtlich wie sozial verletzlich.

Was bedeutet das für Auswanderer und Langzeitgäste?

Für Leser:innen von teneriffa.ro, die mit dem Gedanken spielen, länger auf der Insel zu leben, sind einige Punkte zentral:

  • Mietpreise realistisch kalkulieren: In gefragten Küstenorten wie Costa Adeje, Los Cristianos, Las Américas oder auch im urbanen Raum Santa Cruz/La Laguna sind 800–1.200 Euro für eine 1–2‑Zimmer‑Wohnung nichts Ungewöhnliches.
  • Langfristige Mietverträge werden rar: Viele Eigentümer bevorzugen Kurzzeitmiete (Saison/Monatspakete) oder Ferienvermietung. Langfristige, reguläre Verträge sind zwar vorhanden, aber deutlich schwerer zu finden.
  • Rechtliche Rahmenbedingungen beachten: Wer selbst vermieten möchte, muss sich auf künftige Einschränkungen bei Viviendas Vacacionales einstellen – von Moratorien bis zu strengeren Zonierungen.

Gleichzeitig lohnt es sich, auf neue Projekte im sozialen Wohnungsbau zu achten – auch, weil sie mittelfristig das Angebot verbessern und Preissteigerungen etwas dämpfen könnten.

Ausblick: Kommt die Wende am Wohnungsmarkt?

Ob die „crisis habitacional“ auf Teneriffa mittelfristig entschärft wird, hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Konsequente Begrenzung neuer Ferienwohnungs‑Lizenzen und klare Zonierung, um Wohngebiete vor weiterer touristischer Verdrängung zu schützen.
  • Schnelle Umsetzung bereits finanzierter öffentlicher Wohnungsbau‑Projekte – nicht nur Ankündigungen, sondern echte Baustarts und Fertigstellungen.
  • Stärkere Koordination zwischen Regierung der Kanaren, Cabildos und Gemeinden, damit Programme wie „Activa Vivienda“ nicht im Verwaltungsdickicht stecken bleiben.

Fest steht: Die Wohnungsfrage ist längst kein Randthema mehr, sondern einer der entscheidenden Faktoren für Lebensqualität, soziale Stabilität und die Zukunft des Tourismusmodells. Für Teneriffa – und für alle, die die Insel lieben – wird entscheidend sein, ob es gelingt, den Spagat zwischen attraktivem Reiseziel und lebenswerter Heimat zu schaffen.

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