Teneriffa entdeckt Geothermie in 2.300 Metern Tiefe

Teneriffa hat einen historischen Schritt in Richtung nachhaltiger Energieversorgung gemacht. Bei Tiefenbohrungen in Vilaflor wurden erstmals direkte Beweise für ein geothermisches System gefunden, das ein enormes Potenzial für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen bietet. Die Bohrung stieß in einer Tiefe von über 2.300 Metern auf die drei entscheidenden Elemente: Hitze, Wasser mit Temperaturen von über 150 Grad Celsius und durchlässiges Gestein. Damit rückt die Vision einer unabhängigen, sauberen Energieversorgung durch Geothermie für Teneriffa in greifbare Nähe.

Vilaflor – ausserhalb erfolgten die Bohrungen

Teneriffa Geothermie

Was wurde genau entdeckt?

Die von der britischen Firma Marriott Drilling Group durchgeführten Bohrungen im Gebiet Trevejos in Vilaflor auf einer Höhe von 1.630 Metern haben zum ersten Mal direkte Hinweise auf ein nutzbares geothermisches System geliefert. Bislang stützten sich alle Untersuchungen auf Oberflächenstudien – nun konnte erstmals direkt nachgewiesen werden, was sich unter der Insel verbirgt.

Das sich abzeichnende Modell beschreibt ein tiefes geothermisches System mit natürlicher Wiederauffüllung: Wasser versickert im Untergrund, zirkuliert durch permeable Gesteinszonen und erhitzt sich durch den hohen thermischen Fluss in großer Tiefe. Diese unterirdisch gespeicherte Energie kann – sofern weitere Tests geeignete Bedingungen bestätigen – zur Stromerzeugung genutzt werden.

Die Bohrung begann im Februar 2026 und hat bereits die 2.500-Meter-Marke überschritten; geplant sind Bohrungen bis zu 3.000 Metern Tiefe. Ein zweiter Bohrpunkt liegt vier Kilometer östlich von Trevejos. In den kommenden Monaten werden Messungen durchgeführt, um Parameter wie Endtemperatur des Reservoirs, Druck, verfügbare Durchflussmenge und langfristige Stabilität zu analysieren. Die Wahrscheinlichkeit einer wirtschaftlichen Nutzung lag bereits vor den aktuellen Ergebnissen bei über 60 Prozent – nun sind die Aussichten noch deutlich besser.

Warum ist das für Teneriffa so bedeutsam?

Die Geothermie unterscheidet sich grundlegend von den beiden großen erneuerbaren Energien, die auf Teneriffa bereits genutzt werden: Sie ist weder von Sonnenschein noch von Wind abhängig. Ein Geothermiekraftwerk kann 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, planbar und kontinuierlich Strom produzieren. Sie tritt damit nicht in Konkurrenz zur Fotovoltaik und Windkraft, sondern ergänzt diese ideal.

Derzeit stammen 80 Prozent des Strommixes auf Teneriffa aus fossilen Brennstoffen, nur 20 Prozent werden aus sauberen Energien erzeugt. Geothermie könnte diesen Anteil deutlich erhöhen und gleichzeitig die Abhängigkeit von importierten Brennstoffen verringern. Das stärkt die Energiesicherheit und -souveränität der Insel und macht das Stromsystem widerstandsfähiger gegen internationale Ölpreisschwankungen.

Konkrete Zahlen zum Potenzial

Die Projektstudien zeigen beeindruckende Szenarien: Bei einer angenommenen geothermischen Leistung von 10 Megawatt könnten jährlich rund 19 Millionen Euro bei fossilen Brennstoffimporten eingespart und 65.000 Tonnen CO₂ vermieden werden. Zum Vergleich: Diese Leistung würde ausreichen, um 24.000 Haushalte – also mehr als 60.000 Menschen – kontinuierlich mit Strom zu versorgen. Die eingesparten Treibhausgasemissionen entsprechen der Stilllegung von über 14.000 Autos für ein Jahr oder der Pflanzung eines Waldes mit drei Millionen Bäumen.

Wer steckt hinter dem Projekt?

Die Prospektionen werden vom öffentlich-privaten Konsortium Energía Geotérmica de Canarias (EGC) vorangetrieben, bestehend aus dem Cabildo de Tenerife – vertreten durch das Instituto Tecnológico y de Energías Renovables (ITER) – sowie den Unternehmen Disa und Reykjavik Geothermal. Die Einbindung der isländischen Firma ist kein Zufall: Island ist weltweit führend in der geothermischen Energiegewinnung und bringt jahrzehntelange Erfahrung aus dem Nordatlantik mit.

Finanzierung durch nationale und europäische Fonds

Teneriffa konzentriert drei der vom staatlichen Förderprogramm für Tiefengeothermie ausgewählten Projekte auf sich. Insgesamt stehen 43,2 Millionen Euro aus dem Plan de Recuperación, Transformación y Resiliencia sowie den NextGenerationEU-Fonds zur Verfügung. Die Kanaren erhielten insgesamt 106,2 Millionen Euro – fast 90 Prozent des nationalen Budgets für diese Forschungen. Dies spiegelt das besondere Potenzial vulkanischer Inseln für die Entwicklung dieser Technologie wider.

Teneriffa im Vergleich zu anderen Regionen

Mit diesem Durchbruch positioniert sich Teneriffa an der Spitze Spaniens und der Kanaren bei der geothermischen Energiegewinnung. Gran Canaria folgt dicht dahinter und finalisiert seinen ersten Pilotbrunnen von 2.700 Metern in einem 36 Quadratkilometer großen Gebiet zwischen Valsequillo und Agüimes. La Palma, das nach dem Tajogaite-Ausbruch von 2021 die deutlichsten oberflächlichen Thermalanomalien aufweist, kommt aufgrund von Bergrechtsverfahren langsamer voran, hat jedoch eine Verlängerung der EU-Finanzierung bis Dezember 2028 erhalten.

Als Vorbilder dienen Azoren und Island. Auf den Azoren stammen 42 Prozent des Stroms auf São Miguel und 11 Prozent auf Terceira aus Geothermie. Island wiederum gewinnt rund 30 Prozent seiner Elektrizität aus geothermalen Quellen und beheizt etwa 90 Prozent der Haushalte und Infrastrukturen damit. Die Geschichte der Geothermie reicht bis 1904 zurück, als Piero Ginori Conti in Larderello (Toskana) mit natürlichem Dampf einen Generator antrieb und fünf Glühbirnen zum Leuchten brachte. 1911 ging dort das erste kommerzielle Geothermiekraftwerk der Welt in Betrieb.

Wie geht es weiter?

Nach Abschluss der Bohrungen und Messungen wird sich zeigen, ob die Energie tatsächlich wirtschaftlich nutzbar ist. Sollte dies bestätigt werden, ist der nächste Schritt die Planung eines Geothermiekraftwerks – aller Voraussicht nach am Fuße der Berge von Vilaflor de Chasna, wo die Prospektionen stattfinden. Teneriffa beginnt damit, sein eigenes Kapitel in der Geschichte der geothermischen Energie zu schreiben – mehr als ein Jahrhundert nach jenen fünf italienischen Glühbirnen.

Quelle: Dieser Artikel basiert vollständig auf dem Bericht „Tenerife encuentra energía geotérmica a 2.300 metros bajo tierra con un elevado potencial para convertirla en renovable“ der Tageszeitung El Día (eldia.es) vom 10. September 2026. Alle Angaben, Zahlen und Hintergründe wurden dieser Quelle entnommen.

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